Sind Neujahrsvorsätze sinnvoll oder sinnlos?

Hast du auch schon mal Neujahrsvorsätze geschmiedet, im neuen Jahr motiviert begonnen und irgendwann im Laufe der ersten Wochen und Monate wieder frustriert aufgehört, diese zu verwirklichen?

Ja? Ich auch. Aber mach dir nichts daraus, damit sind wir beide ganz bestimmt kein Einzelfall.

Viel wichtiger ist, warum machen wir uns eigentlich immer wieder neue Vorsätze und warum scheitern wir daran immer wieder? Hast du eine Ahnung warum das so ist?
Egal welchen Vorsatz du dir auch vornimmst, mehr Geld, schlankere Figur, eine harmonischere Partnerschaft, gesündere Ernährung, weniger Alkohol, mehr Zeit für die Familie. Der dahinter stehende Grund für diese Wünsche ist immer der Wunsch nach mehr Wohlbefinden und Glück.

Doch macht es uns wirklich glücklicher, wenn wir schlanker sind, mehr Geld am Konto haben oder die Beförderung klappt?
Zum Teil ja, zumindest für eine bestimmte Zeit. Jedoch sind wir Menschen so gepolt, dass wir ständig nach mehr streben. Sobald du z.B. deine Wunschfigur erreicht hast, bist du zwar für einige Zeit glücklich, doch dann kommt schon wieder der nächste Wunsch nach Verbesserung und wieder der nächste und so geht es ewig weiter.
Außer du änderst etwas an deiner Einstellung, an deiner Geisteshaltung, deinen Denkgewohnheiten. Ob du glücklich bist oder nicht, hängt nämlich nicht von Äußerlichkeiten und bestimmt auch nicht von äußeren Umständen ab, sondern allein vom Zustand deines Geistes. Damit ist deine eigene Haltung gemeint, wie du die Dinge siehst und auf sie reagierst.

Deine gesamte Lebenseinstellung bestimmt, ob du mit dem was du jetzt schon hast glücklich sein kannst oder eben nicht. Bist du bis jetzt nicht glücklich, wirst du es auch nicht sein, wenn du dein erstrebtes Ziel erreicht hast. Doch wir alle haben bereits alles was wir brauchen um glücklich zu sein. Wir müssen uns dies nur bewusst machen und nicht immer der nächsten Versuchung nachjagen.

In diesem Jahr habe ich gelernt, dass es immer einen Grund zum Glücklichsein gibt. Egal wie sich die Lebensumstände gerade entwickeln. Auch wenn ein geliebter Mensch stirbt, es dir körperlich schlecht geht oder dein Partner dich verlässt? Ja, auch dann ist es möglich.

Wie gesagt, hängt alles von deiner Einstellung ab. Oft sind wir jedoch dem Ansturm unserer Gedanken und den damit verbundenen Emotionen nicht gewachsen, können nicht damit umgehen. Doch wir können lernen dies zu meistern.

Doch zuerst ist es wichtig zu wissen, dass Gedanken und Emotionen nichts anderes sind als eben nur Gedanken oder Emotionen. Der große Unterschied besteht darin, dich nicht damit zu identifizieren. Du bist nicht dieser Gedanke und du bist auch nicht dieses Gefühl, du nimmst diesen Gedanken nur war, du empfindest dieses Gefühl nur. Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Manche Gefühle begleiten uns längere Zeit, manche kommen nur kurz zu Besuch. Aber sie vergehen alle wieder, genauso wie sich gutes und schlechtes Wetter immer wieder abwechselt. Sinn macht es, unangenehme Gefühle genauso hinzunehmen wie du schlechtes Wetter hinnimmst. Mit dem Wissen, dass danach wieder schöneres Wetter kommt.
Normalerweise ist es so, dass wir unangenehmen Gefühlen aus den Weg gehen, von ihnen fortlaufen wollen. Aber das funktioniert so eben nicht. Diese Gefühle wollen genauso wie die angenehmen Gefühle von dir bemerkt und anerkannt werden. Erst wenn wir alle Gefühle erlebt haben, werden wir Mitgefühl und Verständnis (Liebe) für uns selbst und unsere Mitmenschen entwickeln. Und das ist der Sinn des Lebens. Gemeinschaft oder anders ausgedrückt Einheit und Verbundenheit zu erleben und zu verspüren. Es geht darum mich und meine Mitmenschen so anzunehmen wie wir eben sind. Mit alle unseren Macken und Fehlern.

Wie sollen wir das jemals erreichen, wenn wir uns nicht in unsere Mitmenschen hinein fühlen können? Wie soll ich Wissen was Freude ist, wenn ich nie Traurigkeit erlebt habe? Wie soll ich wissen was Mut ist, wenn ich nie Feigheit erlebt habe? Wie soll ich wissen wie sich Harmonie oder innerer Friede anfühlt, wenn ich nie unharmonische, stressige Situationen erlebt habe?  Wie soll ich wissen was jemand durchmacht der ernsthaft erkrankt ist, einen geliebten Menschen verloren hat, sich einsam fühlt und verzweifelt ist? Licht gibt, weil es Schatten gibt. Den Tag, weil es die Nacht gibt. Die Hitze erkennst du, weil du Kälte kennst. Wir leben nun mal in einer Welt der Dualität.

Stell dir vor, du bist Mutter von 10 Kindern. Ziemlich viele Kinders denkst du? Zu viele? Ich weiß, aber das macht das Bild das ich dir zeichnen will verständlicher. Jedes dieser Kinder stellt ein anderes Gefühl dar. Da gibt es Angst, Wut, Scham, Zorn, Neid, Freude, Glück, Zufriedenheit, Mut, Harmonie und alle diese Kinder bzw. Gefühle gehören zu dir. Sie machen deine Familie vollkommen. Doch alle deine Kinder möchten von dir anerkannt und geliebt werden. Doch was machen wir mit schlimmen Kindern bzw. unangenehmen Gefühlen? Wir sperren sie ins Zimmer, geben ihnen Hausarrest, wir ignorieren sie oder entziehen ihnen unsere Liebe. Unangenehmes wollen wir nicht hinnehmen. Doch dabei geht es nur darum, auch diese „unartigen Kinder“ zu akzeptieren, sie bei Bedarf in den Arm zu nehmen, ihnen Zeit zu widmen, sich gut um sie zu kümmern. Sie wollen genau so wahrgenommen und angenommen werden wie die „guten Kinder“ von denen wir nie genug bekommen können.

Ich habe in diesem Jahr gelernt mich bzw. meine Gedanken und Gefühle wahrzunehmen und hinzunehmen. Mich dafür zu lieben, dass ich Angst vor der nächsten Mahlzeit habe, Angst vor erneuten Bauchschmerzen. Mich dafür zu lieben, dass ich frustriert und verzweifelt bin wegen all der Unverträglichkeiten. Mich dafür zu lieben, dass ich es hasse mich beim Essen so einschränken zu müssen. Mich dafür zu lieben, dass ich traurig bin, weil ich einen geliebten Menschen verloren habe. Mich dafür zu lieben, dass ich gewisse Dinge nicht akzeptieren will und kann, sie nicht annehmen will, aber muss.

Der Vorteil all diese Erfahrungen gemacht zu haben ist folgende:

  1. Ich weiß jetzt wie es sich anfühlt jemanden zu verlieren.
  2. Ich weiß jetzt wie es sich anfühlt auf Entzug zu sein. Denn glaub mir, auf nahezu alle Kohlehydrate verzichten zu müssen kommt einem Entzug gleich.
  3. Ich weiß jetzt, wie es sich anfühlt körperlich schwach zu sein.
  4. Ich weiß jetzt auch wie es sich anfühlt auf Hilfe angewiesen zu sein.
  5. Ich weiß jetzt wie es sich anfühlt, wenn man eine depressive Phase durchmacht.

Mir hat auch eine Übung von Thich Nhat Hanh aus dem Buch „Friede mit jedem Atemzug: Ein Übungsbuch“ sehr geholfen, diese schwierigen Situationen zu meistern.

Es hilft ungemein dabei starke Gefühle (Wut, Eifersucht, Angst, Traurigkeit) als eine Art Sturm zu betrachten. Ein Sturm kann dir nichts anhaben, wenn du dich in Sicherheit (Haus, Keller..) begeben kannst. Du musst also nur über Möglichkeiten verfügen, wie du deinen Geist zur Ruhe bringen kannst.

  1. Setz oder lege dich hin.
  2. Atme in deinen Bauch hinein.
  3. Halte deinen Geist nur auf deinen Bauch gerichtet.
  4. Beobachte wie dein Bauch sich hebt und senkt.
  5. Lenke deine ganze Aufmerksamkeit auf den Bauch.
  6. Denke nicht. Höre auf immer wieder dieselben Gedanken zu denken. Lass die Gedanken vorüberziehen und lenke deine Aufmerksamkeit immer wieder auf deinen Bauch und deine Atmung. Dort bist du in Sicherheit.

Sinn macht diese Übung allerdings nur, wenn du sie präventiv ausführst. Du suchst zwar erst Schutz vor einem Sturm, wenn er sich ankündigt, aber der Unterschlupf (das Haus, der Keller oder unter Umständen auch eine Höhle ) muss ja bereits vorhanden sein um rechtzeitig Schutz suchen zu können. Es macht also Sinn, diese Übung während ruhigen Zeiten regelmäßig zu üben. Nach 2 -3 Wochen wirst du das Gelernte ganz automatisch anwenden können. Während der Sturm rund um dich herum tobt, wirst du in dir ruhen und dich auf deinen Atem konzentrieren können. Hast du so einen Sturm einmal überlebt, schafft das Selbstvertrauen für die nächsten Herausforderungen.

Ich mache mein Glück oder meine Zufriedenheit nicht mehr von meinem Gefühlszustand und perfekten, harmonischen Lebensumständen abhängig. Wenn es so ist, Gratulation. Ich stehe auf Harmonie. Läuft es jedoch anders als mein Verstand sich das vorstellt, dann ist es auch gut. So wie es ist, ist es gut und wie ich gerade bin (traurig, wütend, fröhlich, unzufrieden) bin ich gut (genug). Es ist okay.
So habe ich für nächstes Jahr auch keine Vorsätze geplant. Ich sehe einfach keine Notwendigkeit mehr dafür. Falls du anderer Meinung bist, kein Problem, das ist deine Entscheidung.

Ich wünsche mir für dich, dass du dich und deine Lebensumstände so annehmen und lieben kannst, wie sie nun mal sind. Du wirst sehen, das ändert vieles zum Positiven auch ganz ohne Vorsätze.
Alles Gute für das Jahr 2015 wünscht dir von ganzen Herzen

Birgit

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